Gundermann

Wundersames Wundkraut

Keine Gründonnerstagssuppe ohne seine würzigen Blättchen, keine Walpurgisnacht ohne einen Kranz aus seinen Ranken – der Gundermann ist ein altes Zauberkraut, dem auch in der Volksheilkunde starke Wirkung nachgesagt wird. Früher hoch geschätztes Wild- und Heilkraut, ist der kleine Lippenblütler heute ein wenig in Vergessenheit geraten, wird er gar als lästiges Unkraut bekämpft. Das aber hat der Gundermann, auch Gundelrebe genannt, nicht verdient.

Für die Frühjahrskur
Wenn der Frühling ins Land zieht, sprießt der Gundermann in die Höhe. Hat er den Winter über seine langen Ranken mit den nierenförmigen, am Rand fein gekerbten Blättchen bescheiden dem Boden angedrückt, so richten sich die Triebe jetzt auf. Da verhält er sich ein wenig wie Efeu, deshalb heißt der Gundermann auch Erd-Efeu. Bald erscheinen in den Blattachseln viele fliederblaue Blüten. Im Schlund weisen dunkel abgesetzte Markierungen den hungrigen Insekten den Weg zur Nektarquelle. Hummeln, Schwebfliegen, Schmetterlinge und viele andere Insekten lieben den Gundermann, weil er ihnen reiche Nahrung spendet.
Schon aus diesem Grund sollte man ihm im Garten ein Plätzchen gönnen. Unter der Hecke, entlang eines Zauns stört er kaum, wo er zu wuchern beginnt, weist man ihn durch Abstechen seine Grenzen. So hat man stets ein paar frische Blätter zur Hand. Sie enthalten im Frühjahr besonders viel Vitamin C, schon deshalb gehören sie als Muntermacher in eine Kraft und Gesundheit spendende, blutreinigende und stoffwechselanregende Speise, nicht nur traditionell zu Gründonnerstag.

Kraftspender
Das Jahr schreitet voran, immer weiter wachsen die Ranken, immer zahlreicher werden die Blätter. Die langen Triebe lassen sich ganz leicht zu einem Kranz winden. Durch einen Gundelrebenkranz wurden früher die Kühe gemolken, um die Milch vor Verhexung, vor dem Sauerwerden zu bewahren. Wer sich in der Walpurgisnacht einen Gundermannkranz aufsetzt, kann Hexen erkennen. Die tragen beim Kirchgang seltsame Kopfbedeckungen, etwa einen Melkschemel oder eine Milchkanne, und setzen sich rücklings zum Altar. Zu Pfingsten während der Messe gepflückt soll Gundermann gegen jegliche Krankheit schützen.

Gundermann macht stark, heißt es. Hildegard von Bingen schreibt in der Physika, ihrem Werk über die Heilkraft der Natur: „Die Gundelrebe ist warm und trocken, ihre Grünkraft ist angenehm und nützlich für einen Menschen, der lange kraftlos ist.“ Das Volk hat ihn als Saft frisch aus Blättern gepresst zur Kräftigung des Magens verabreicht, in Form von Heilöl zur Steigerung des Gehörs verordnet, als Badekraut zur Nervenstärkung eingesetzt und ihn destilliert zur Pflege der Haut aufgetragen.

Wundheiler
Gundermann gehört zu den sog. Gundkräutern, gemeinsam mit Hauswurz, Wegerich oder Ehrenpreis. Das aus dem germanischen Sprachgebrauch stammende „Gund“ bezeichnet Beulen, Gifte und Körpersekrete wie Eiter. Demnach helfen Gundkräuter bei nässenden Wunden, Geschwüren oder eitrigem Auswurf. Wundrebe, Herr des Eiters – solche Bezeichnungen weisen darauf hin.

Die ätherischen Öle in den Blättern, die beim Zerreiben für den markanten, minzartigen Duft sorgen, kann man zusammen mit Gerbstoffen und Flavonoiden für die entzündungshemmende und heilungsunterstützende Wirkung des Gundermanns verantwortlich machen. Wissenschaftliche Untersuchungen stehen noch aus, das Volk allerdings weist auf die guten Erfahrungen mit Gundermann hin und empfiehlt Gundermannblätter als Auflage bei Rheuma und Arthritis. Ein Tee soll bei Entzündungen im Mund und Rachen helfen, aber auch bei leichten Durchfällen sowie Magenverstimmungen. Außerdem setzt man seit alters her Gundermann gegen Husten und Atemwegbeschwerden ein.

In ein Kissen gefüllt vermag Gundermann angeblich Leberbeschwerden zu lindern, indem man es auf die entsprechende Körperstelle auflegt, ebenso wird ein Gundelrebenkissen bei Darmkatarrh angeraten. Umschläge und Waschungen mit Gundermannsud gelten als probates Mittel, wenn Wunden schlecht heilen oder hartnäckige Entzündungen die Haut quälen.

Soldatenpetersilie
Der wahre Wert des Gundermanns liegt aber wohl in seiner umfassenden Vitalität. Wer immer wieder mal ein paar Blättchen zu sich nimmt, unterstützt seine Abwehrkräfte und hält seinen Körper fit. Das fällt nicht schwer, denn erstens ist Gundermann nicht schwer zu finden und fast das ganze Jahr verfügbar, zweitens passt er mit seinem aromatischen, würzigen Geschmack an vielerlei Speisen, ob salzig oder süß. Kaum ein anderes Wildkraut lässt sich derartig vielseitig in der Küche verwenden.

Das wusste man in Notzeiten immer schon zu schätzen, wo Salz und Pfeffer Mangelware und würzende Kräuter kaum zu bekommen waren. Soldatenpetersilie heißt das Kräutlein demnach, denn die Soldaten im Feld waren heilfroh, wenn sie etwas davon zum Würzen der kargen Nahrung hatten. Es ist aber auch heute, in Zeiten des Überflusses, eine wahre Delikatesse: Eine gedämpfte Kartoffel mit fein geschnittenen Gundermannblättchen. Schmeckt gut, ist gut, tut gut.