Nelkenwurz

Nelkenwurz

An Wald- und Wegrand zu finden: Die Echte Nelkenwurz. Immer wieder aus dem Fell von Hund, Schaf und Kühen zu kämmen: Die Echte Nelkenwurz. Nach jedem Spaziergang von den Socken zu pflücken: Die Echte Nelkenwurz. Als Unkraut im Garten verachtet: Die Echte Nelkenwurz. Als Heilpflanze früher sehr geschätzt: Die Echte Nelkenwurz. So allgegenwärtig und doch nahezu unbekannt: Die Echte Nelkenwurz. Was ist das nur für eine Pflanze?

Wie die Nelke in die Wurzel kommt
Ab Herbst, den ganzen Winter über trifft man die dunkelgrünen, rau behaarten Blattrosetten der Echten Nelkenwurz (Geum urbanum) an. Sie schmiegen sich flach der Erdoberfläche an, verstecken sich gerne unter altem Laub oder lassen sich vom Schnee zudecken, um nicht zu stark unter strengen Frösten zu leiden. Ist der Untergrund nicht gefroren, kann man die Wurzeln herausstechen.

Was sich unter der Erde verbirgt, ist zum einen ein etwa fingerdicker, gelb- bis rotbrauner Wurzelstock, der gewöhnlich flach waagrecht wächst und viele feine Faserwurzeln trägt. Junge Pflanzen verfügen noch über keinen ausgeprägten Wurzelstock, bei ihnen ist nur die Übergangsstelle zwischen Wurzeln und Rosettenblattstielen verdickt und rötlich überlaufen.

Der Wurzelstock samt gröberen Wurzeln muss nun sorgfältig gewaschen werden. Ist alle anhaftende Erde entfernt, steigt gewöhnlich bereits ein intensiver Duft auf, spätestens jedoch beim Zerreiben der feinen Wurzeln. Das Aroma erinnert deutlich an Gewürznelken und Muskat. Kein Wunder, denn die Wurzeln enthalten das schmerzstillende und entzündungshemmende Eugenol, das in den getrockneten Blütenknospen des Gewürznelkenbaums (Syzygium aromaticum) wie in den Früchten des Muskatnussbaums (Myristica fragrans) für den typischen Geruch verantwortlich ist. Viele denken auch an alte Sorten Nelken (Dianthus), denen ein ähnlicher, warm-würziger Duft entströmt.

Für den Mann wie für den Wein
Wer jetzt den Wurzelstock aufschneidet, dem fällt im Inneren eine Zone mit dunkle Rotfärbung auf – ähnliches kennt man von der Blutwurz (Potentilla erecta). Das beruht auf dem Gehalt an besonderen Gerbstoffen, denn die Nelkenwurz ist wie die Blutwurz ein Rosengewächs und reich an den zusammenziehend wirkenden Bestandteilen. Beide Wildkräuter, das „Gekräuter“, sammelten in früheren Zeiten auch die Mädchen zu Himmelfahrt, für den Mann die Mannskraft (eben die Nelkenwurz) und für sich selbst das Blutkraut (die Blutwurz). Denn man sagte der Nelkenwurz wahrlich enorme Macht nach, die Potenz des Mannes zu befördern.

Man versetzte mit der Nelkenwurz sowohl Wein, daher der alte Name Weinwurz, wie auch Bier, um sie haltbarer zu machen und auch den Geschmack zu verbessern. So ganz „nebenbei“ sorgte die Nelkenwurz dann auch für Gesundheit des gesamten Verdauungsapparates. Schon im Mund binden die Gerbstoffe Keime, in Magen und Darm ebenso. Wider die Appetitlosigkeit und zur Genesung nach langer Krankheit galt Nelkenwurz als wirksam. Sogar äußerlich konnte der Nelkenwurzwein noch heilsame Dienste leisten, um etwa Wunden zu versorgen und Hautentzündungen zu lindern. Gekaut vertrieb die Radix sanamundae, die Wurzel von Heil der Welt, Zahnschmerzen und Mundgeruch – na, wenn da die Liebe nicht funktioniert.

Malefiz und Benefiz
Gepulverte Wurzel der Nelkenwurz kam früher ins Malefizpulver, ein Abwehrmittel gegen bösen Zauber und Krankheiten. Unters Kopfkissen gelegt, verrät die Wurzel nächtens den Dieb, der erscheint einem im Traum. Dem Vieh gab man Wurzelstücke zu fressen, damit ihre Milch nicht verneidet, also verhext und sauer wurde. Angeblich sorgt Nelkenwurz im Futter dafür, dass die Milch mehr Rahm liefert.

Wegen all ihrer Wohltaten nannte man die Nelkenwurz gebenedeit, nach lateinisch benedictus für gesegnet. Danach hat sie wohl ihren Namen Benediktenwurzel erhalten. Anderen Quellen zufolge soll sie den heiligen Benedikt geweiht sein. An seinem Gedenktag, dem 21. März, soll die Nelkenwurz über besonders starke Kräfte verfügen, tatsächlich duftet sie in dieser Zeit wirklich intensiv. Und trägt nicht der heilige Benedikt einen zersprungenen Kelch mit einer Schlange bei sich? Nach den Kräuterweisen des Altertums wie des Mittelalters half die Nelkenwurz gegen jegliches Gift und reinigte das Blut. Die Benedicta der Hildegard von Bingen, Äbtissin eines Benediktinerklosters, war sicherlich die Echte Nelkenwurz – und nicht die Pflanze, die heutzutage unter Benedikten- oder Kardobenediktenkraut (Centaurea benedicta, syn. Cnicus benedictus) geläufig ist.

In der Stadt und nah am Bach
Die Echte Nelkenwurz heißt auch Stadt-Nelkenwurz oder Stadt-Benedikte, weil sie sehr häufig in Städten, Dörfern und Siedlungen vorkommt – eben in den Hausgärten, entlang von Mauern und Zäunen. Ihre nächste Verwandte ist die Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), die entlang von Bachufern, in feuchten Wiesen sowie in Erlengebüschen wächst und aufgrund ihrer hübschen Erscheinung Namen wie Blutströpferl, Bachbummele, Kapuzinerle, Herrgottsglöckchen, Klingelbeutel oder Kaminfegerle erhalten hat. Im Jahr 2007 war sie von der Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen unter Loki Schmidt zur „Blume des Jahres“ erkoren worden. Obwohl sie von den Blüten her der Echten Nelkenwurz kaum ähnelt, wurde sie doch genauso als Heilpflanze eingesetzt. Heutzutage greift kaum noch ein Arzt auf die Nelkenwurzen zurück – nur in der Volksheilkunde haben sich die beiden ihren Stellenwert zumindest teilweise bewahrt.

Nelkenwurz im Garten
Während die beiden Wildarten Echte Nelkenwurz und Bach-Nelkenwurz, die sich übrigens untereinander auch leicht kreuzen, als Unkraut geschmäht werden bzw. als Wildpflanze nur in feuchten Bereichen angesiedelt werden können, gibt es auch äußerst attraktive Nelkenwurzen für Beete und Rabatten. Es sind vielfach Hybriden mit großen, leuchtend gelb, orange, rosa bis rot gefärbten und oft sogar gefüllten Blüten, die als sehr robust und anspruchslos gelten. Sie eignen sich hervorragend als Begleiter für Rosen, ebenso als bunte Tupfer für Wildstaudenbeete. Wer die Stauden alle paar Jahre durch Teilung verjüngt, hat lange Freude daran. Nur mit der Heilkraft ist es bei den Gartenschönheiten nicht weit her, dafür muss man eben doch auf die Wildarten zurückgreifen.

Heilpflanzen-Steckbrief: Echte Nelkenwurz
So sieht sie aus: Ausdauernde, krautige Pflanze mit immergrüner Blattrosette; Blätter lang gestielt und behaart, unregelmäßig gefiedert, Fiedern dabei spitz gezähnt oder rundlich gebuchtet, die unteren Blätter stets anders geformt als die Stängelblätter; von Mai bis Oktober fünfteilige Blüten mit großem Kelch und recht kleinen, goldgelben Kronblättern, die sehr bald abfallen; kugelige Klettenfrüchte aus einzelnen kleinen Nüsschen mit häkelnadelartigen Fortsätzen.

Da wächst sie: An halbschattigen bis schattigen Stellen am Waldrand, in lichten Wäldern, Gebüschen und entlang von Hecken, in Gärten und auf Schuttflächen, auf nährstoffreichen Böden.

Das sammelt man: Junge Blätter im Frühjahr; blühendes Kraut von Mai bis August; Wurzelstöcke im Herbst und Frühjahr.
So wird’s verwendet: Junge Blätter als Beigabe zu Wildkräutergerichten; Wurzeln als Würzzutat für deftige wie für süße Speisen, ähnlich Gewürznelken.

Heilpflanze: Blühendes Kraut für Teeaufgüsse bei Verdauungsbeschwerden und für Badezusätze zur Linderung von entzündeten Hautpartien; Auszüge aus dem Wurzelstock (Wein, Tinktur) als mildes Mittel bei Verdauungsbeschwerden und leichtem Durchfall, zum Gurgeln und Spülen bei Entzündungen im Mund-Rachenraum.