Vogelmiere

Vogelmiere

Wer mitten im Winter ins ruhende Gartenbeet schaut, am Kompost vorbei kommt, wer zu schneearmer Zeit auf den Ackerrand blickt, am Weinberg sucht, kann sie entdecken: Die Vogelmiere. Selbst unter einer Schneedecke vermag sie munter zu wachsen, wenn alle anderen Pflanzen in Winterstarre versunken sind. Es ist eben ein Ausbund an Zähigkeit und Wuchsfreude, diese kleine Pflanze.

Der Vögel liebste Speise
Früher schickte man die Kinder, die kleinen Polster der Vogelmiere zu holen und damit Hühner und Gänse zu füttern. Das Federvieh stürzte sich begierig über die frische Kost. Man war überzeugt, dass die Tiere so auch gesünder blieben und mehr Eier legten. Auch der Kanari im Vogelbauer bekam die feinen Triebe mit den kleinen Blättchen als Zusatzfutter, damit er schön tiriliere.
Vögerlsalat, Gänsegras, Zeiserlkraut – all diese alten Volksnamen für die Vogelmiere erzählen von dieser Nutzung. Heutzutage haben sogar große Gartencenter den Wert wieder entdeckt und bieten Saatgut sowie vorgezogene Vogelmiere in Töpfchen als Grünfutter für Haustiere an – nicht allein für Ziervögel, sondern auch für Meerschweinchen und Kaninchen. Selbst Hunden mischt man das Kraut ins Futter.

Der Gärtner arge Plage
Wenn die Vogelmiere im Garten auftaucht, und das ist vielerorts der Fall, sehen viele Gärtner das nur ungern. Denn einmal vorhanden, bekommt sie kaum wieder weg, selbst durch beständiges Jäten. Die feinen, oft etwas schlaffen Triebe verzweigen sich reich, damit legt sich die Vogelmiere wie ein kleiner Teppich über den Boden. Entlang der Triebe reihen sich die Blättchen auf. Wann immer das Wetter mild genug ist, bilden sich an dünnen Stielchen Blütenknospen, die sich zu kleinen weißen Sternblüten öffnen – allerdings nur bei schönem Wetter. Nicht von ungefähr gilt die Vogelmiere daher auch als Wetterzeiger. Droht Regen, bleiben die Blüten nämlich geschlossen.

Schnell entstehen aus den Blütchen Früchte, die Samen streuen sich selbst aus, werden aber auch von Ameisen überall hin verbreitet und daneben von Vögeln, unbemerkt auch vom Gärtner selbst in alle Winkel getragen. Eine einzelne Pflanze kann um die 15.000 Samen bilden, und das bei einer Lebensdauer von rund einem Jahr. Jedes Samenkörnchen behält auch noch mehrere Jahrzehnte seine Keimfähigkeit, wartet geduldig auf die rechte Chance zum Start in ein neues Pflanzenleben. Also wird im Garten gezupft und gerupft, ohne die Vogelmiere wirklich zu verdrängen. Zudem sollte man die anmutigen Polster durchaus dulden, denn sie bilden eine lebende Mulchschicht. Unter ihnen bleibt der Boden länger feucht und warm, vor Unbilden des Wetters und Auswaschung geschützt.

So sieht sie aus: Einjährige, krautige Pflanze mit niederliegenden Trieben, die einen flachen Teppich bilden; spitze, eiförmige Blättchen, jeweils zu zwei an den Stängeln sitzend; filigrane Sternblütchen mit fünf weißen, tief längs geschlitzten Blütenblättern (dadurch erscheint die Blüte wie aus zehn Blütenblättern aufgebaut).

Da wächst sie: Auf Äckern, in Weinbergen, in Gärten, an Wegen, an Schuttplätzen auf eher feuchten, nährstoffreichen Böden, sonnig bis halbschattig.

Das sammelt man: Das ganze Kraut.

Der Küche angeraten
Vogelmiere lässt sich das ganze Jahr über ernten. Damit hat man stets frische Kost zur Hand, um seinen Speisezettel aufzuwerten. Mit ihrem Geschmack nach jungen Erbsen oder zarten Maiskörnchen ist sie selbst für verwöhnte Gaumen ein Genuss. In den Salat gemischt, unter Quark gerührt, zu Pesto verarbeitet, statt Petersilie auf Kartoffeln gestreut – immer reichert man seine Gerichte nicht nur fürs Auge mit frischem Grün an, sondern liefert dem Körper damit der allgemeinen Gesundheit förderliche Pflanzenstoffe. Triebspitzen frisch für die Wildkräuterküche, frisch gepresst als Saft, zubereitet als Pesto oder eingelegt in Öl; frisch oder getrocknet für Tee. So wird ein „Unkraut“ zum Würzkraut und vor allem im Winter zum unschätzbar wertvollen Vitaminspender.


(selbst im Winter trägt die Vogelmiere kleine Blüten …)

Achtung: Vogelmiere sollte man vorsichtshalber nicht in allzu großen Mengen verzehren, weil die enthaltenen Stoffe unter Umständen bei empfindlichen Personen zu Durchfall oder anderen Beeinträchtigungen führen können.

Karin Greiner