Springinsland – eine Fabel von Karin Greiner

Springinsland – eine Fabel von Karin Greiner

Springinsland
Habt ihr schon gesehen, raunte es am Bachufer durchs Schilf, da ist eine Neue! Die Schar aus rotbraunen Blütenfahnen an graugrünen Stangen bog sich neugierig nach allen Seiten. Wo? Wo? Klimperte die Schwarzerle mit ihren Zäpfchen, aus denen es geflügelte Nüsschen rieselte. Na, da hinten! Wo die alten Silberweiden standen, die sie neulich gefällt haben, raschelte die Traubenkirsche mit schwarzen Steinfruchtperlen.

Wie die aussieht! Schüttelte das Mädesüß seinen duftenden Schopf. Völlig fremd! Pflichtete der Blutweiderich mit violetten Kerzen bei. Was die hier will? Wollte die Kohldistel wissen. Die soll sich bloß beherrschen, meinte brennend die Nessel. Neues brauchen wir hier im Feuchtgebiet überhaupt nicht. Alle beäugten argwöhnisch das unbekannte Gewächs.

Die Neue streckte wohlig ihre Wurzelfüße in den weichen, feuchten Untergrund. Reckte ihren rohrartigen, starken Stängel hoch empor, der wärmenden Sonne entgegen. Breitete ihre handspannenlangen Blätter mit scharf gezähntem Rand nach allen Seiten in die milde Luft aus. Wiegte ihre Juwelen, ihre glänzenden Blüten an dünnen Stielchen. Und war’s zufrieden.
He, du da! Rief es aus der Hochstaudenflur. Wo kommst denn du her? Wollte der Gilbweiderich wissen. Bekam aber keine Antwort. Was willst du hier bei uns? Fragte die Grauweide an. Doch nichts geschah. Der Bittersüße Nachtschatten schlängelte sich mit seinen dünnen Trieben fast bis zur Neuen vor, um sie an ihren Blättern zu zupfen. Bist du etwa giftig? Forschte er mitfühlend. Jedoch – Schweigen.

Er konnte wie alle anderen Gewächse am Bach nicht wissen, dass die Neue ganz einfach ihre Sprache nicht verstand. Sie war zwar recht beschlagen in Kanauri, Mahakiranti, Dewari, Chaudangsi und vielen anderen Dialekten. Hier vernahm sie nur Getuschel ohne jeglichen Sinn. Weitgereist wie sie war, fern ihrer Heimat, hatte sie sich ein Stück aufgerissenen Boden erobert, auf dem sie keimen und gedeihen konnte. Denn zwischen all den Einheimischen, so dicht wie sie standen und jedes Fleckchen Erde besetzten, wäre es ihr als Zugereiste niemals möglich gewesen, Fuß zu fassen. Nur weil die greisen Silberweiden der Motorsäge zum Opfer gefallen waren, schwere Maschinen die morschen Stämme vom Bach geschleppt und tiefe Furchen in den weichen Uferboden gerissen hatten, tat sich ihr eine Chance auf.

Noch einige Male versuchten die Pflanzensiedler entlang des Bachs, mit der Neuen ins Gespräch zu kommen. Sie grüßten, winkten und wedelten, dann aber gaben sie es auf. Die Neue gab keinen Mucks von sich. Ihre rosaroten Blüten schaukelten, ihre grasgrünen Blätter flatterten. Was war das für eine Reise hierher gewesen. Wobei sie selbst nur eine kleine Etappe zurückgelegt hatte. Aber sie wusste tief in ihrer Pflanzenseele, wo sie herstammte. Im grünen Inneren einer jeden Zelle schlummerte die Geschichte ihrer Art:

Viele, viele ihrer Vorfahren wuchsen fern, fern im Osten entlang von Wasserläufen zwischen hohen, sehr hohen Bergen. Hübsch waren sie anzusehen, exotisch erschienen sie. So spektakulär, dass ein paar Samen gesammelt und verschickt wurden. Um einem großen Pflanzenliebhaber eine besondere Freude zu bereiten. Der säte die Samen, hegte und pflegte die Pflänzchen, erntete bald mehr Saat und verteilte sie an andere Pflanzenfreunde, die sie in ihren Gärten zogen. Ehrfürchtig beschaute und bestaunte man die Pflanzen aus den fernen Bergländern. Jeder wollte solch kostbare orchideenartige Pflanzen als Schmuckstücke besitzen.
Den Pflanzen kam das gelegen, es gefiel ihnen in den westlichen Ländern und Gärten. Sie wuchsen und vermehrten sich. Wurden immer mehr und mehr, wucherten und breiteten sich aus. Keine Beetgrenze, kein Gartenzaun, nicht einmal eine Parkmauer konnte ihnen noch Einhalt gebieten. Denn die Gewächse verfügten über einen Trick. Sie konnten springen. Vielmehr ihre Samen sprangen. Bei ihren schlanken Fruchtkapseln genügte eine sanfte Berührung, schon explodierten sie und schleuderten ihren Inhalt weit davon – die Samen hüpften in die weite Welt. Schwimmen konnten sie auch ganz gut, mancher Samen klebte sich gar an Wassergetier fest und reiste als blinder Passagier noch eine Strecke weiter. Bald sprossen überall die fremdländischen Gewächse, die Neuen.

Hüpfer für Hüpfer, Sprung für Sprung über eine lange Kette von Vorfahren war schließlich auch unsere Neue hier ans Bachufer gelangt, wo bislang noch nie eine der ihren aufgetaucht war. Sie war die Vorhut.

Die alteingewurzelte Bachgesellschaft rätselte immer noch, was die Neue zwischen Röhricht und Ried eigentlich wollte. Als dann eine trübe, ziemlich übelriechende Brühe von der nahen Wiese in Richtung Bach rieselte, machte sich die Brennnessel immer breiter, drängte Schwertlilien und Sumpfseggen zwischen den Erlen weg. Der werden wir schon auf den grünen Pelz rücken, meinten die brennenden Truppen. Ausländer wollen wir hier nicht. Das Bachufer war bald nur noch von Nesseldickicht bestanden, Blut- und Gilbweiderich verschluckt, selbst vom Mädesüß bloß noch wenige Schöpfe übrig. Schon zitterten selbst die frisch gesetzten Pappeln um ihren Stand.

Die Neue jedoch kümmerte das alles nicht. Schmährufe und Drohgebärden ließen sie kalt. Schon hatte sie ihre Schleudersitze für ihre Samen fertig, die Kapseln waren bis zum Zerreißen gespannt. Ein Regentropfen, und die erste Kapsel platzte – die Samen schossen heraus. Mitten zwischen die Brennnesseln. He, was soll das, schießen ist unfair! Riefen die Nesseln und duckten sich. Schon hüpften die nächsten Samen, hopsten weitere, sprangen noch mehr davon. Viele fielen weich in lockeren Boden, auf gut gedüngte Erde, manche schwammen ein Stück den Bach hinab.

Die Heimischen schüttelten ihre Schöpfe. Zusammenhalten, rief das Mädesüß, lasst keinen Fleck offen, gebt keine Blöße. Ja, wenn das so einfach wäre! Entgegneten die Seggen. Wenn einem der Sumpfboden unter den Wurzelfüßen weggezogen wird? Dichter sprießen! Forderten die Kohldisteln. Engt die Neuen ein. Würden wir gerne, jammerten die Weiden. Nur werden wir immer geschlagen. Lasst uns die Blütenköpfe hochhalten, forderte das Rohrglanzgras. Wenn wir immer wieder abgemäht werden? Wie? Klagten Baldrian und Wasserdost. Dann übernehmen wir das Regiment! Schnarrten die Brennnesseln.

Da kam eine frostige Nacht. Setzte dem Treiben ein Ende. Heimische wie Neue erstarrten, die Neue ging in der Kälte gar jämmerlich zugrunde. Im nächsten Frühling wuchsen Mädesüß, Kohldistel und Blutweiderich Seite an Seite, drängten sich Schilf und Gilbweiderich neben die Erlen und schlugen die Weiden neue Wurzeln. Doch zwischen ihnen, sogar zwischen den Nesseln keimten die Samen der Neuen. Und jetzt? Müssen wir uns eben arrangieren. Ächzte die uralte Stieleiche. In ihrer langen Lebensspanne hatte sie schon viel kommen und gehen sehen, einige Veränderungen erlebt und überlebt. Sie nahm es gelassen. Heißt sie doch willkommen, die Neuen, lehrt sie unsere Sprache und weist sie in unsere Gebräuche ein. Wo sie doch nun mal hier sind? Ist nicht Platz für alle? Wenn uns nur die Menschen genügend Platz lassen…
Ach ja, seufzte das Pflanzenvolk am Bach da und fügte sich. Nur die Brennnesseln hegten noch Widerwillen, wollten sich breiter machen als sie ohnehin schon standen. Die Neuen wuchsen empor, und öffneten Blüten in Hellrosa, Weinrot und Purpur, mit reichlich süßem Nektar darin. Mit Bienen und Hummeln konnten sie sich bereits gut verständigen. Indisches Springkraut nenne man sie, Impatiens glandulifera. Ob sie bald auch Schilfisch, Mädesüßisch und Erlisch verstehen? Und Deutsch?

Gewinnen wir den Neuen doch was Gutes ab, statt sie zu verabscheuen, zu verteufeln. Sie können schließlich nichts dafür, dass sie bei uns sind, wollen einfach nur leben. Immerhin haben sie doch was zu bieten: leckere Samen! Die springen einem direkt in den Mund, wie im Schlaraffenland – das ist wahre Pflanzenlust.
Ihre Karin Greiner



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.